Der Opernfreund

24. Mai 2016

Langjährigen Opernfreunden sind sicher noch bekannt die Sänger Günter von Kannen u. a. als Alberich in Bayreuth und anderswo oder Frieder Lang als lyrischer Tenor u. a.in Hamburg und heute Gesangsprofessor in München oder Peter Schöne zeitweise am Theater Hagen. Eins haben diese mit Instrumentalsolisten gemeinsam, etwas willkürlich aus der grossen Anzahl herausgegriffen, mit den Geigern R. J. Koeckert, und N. Koeckert, Mirijam Contzen oder Vilde Frang, dem Cellisten Gustav Rivinius, der Trompeterin Thine Thing Helseth, den Pianisten Christian Zacharias, Matthias Kirschnereit, Ingolf Wunder, Nicolai Tokarev, Herbert Schuch, Khatia Buniatishvili oder Lisa de la Salle oder auch Ensembles wie dem Cherubini-Quartett oder dem Ensemble Amarcord.
Sie alle und viele andere – insgesamt bisher 119! - waren Stipendiaten der Mozart Gesellschaft Dortmund. Ein solches Stipendium ist verbunden mit vielfältiger Unterstützung wie planvoller Ausbildung, Möglichkeit der Teilnahme an Wettbewerben, Begleitung bei Verhandlungen mit Konzertagenturen bis hin zu teilweiser Übernahme der Kosten von CD-Produktionen, seit 2010 auch mit Förderpreisen für einzelne Stipendiaten in Höhe von EUR 5.000 durch Unternehmen der Region (Kulturhauptstadt-Jahr).
Ein Höhepunkt ist dann ein Auftritt bei den jährlich fünf Mozart-Matineen im Konzerthaus Dortmund. Bei der Gelegenheit zeigen die jungen Talente ihr Können im Zusammenspiel mit professionellen Orchestern und erfolgreichen Dirigenten. In diesen immer ausverkauften Mozart-Matinéen werden nicht nur Werke des Namensgebers Mozart aufgeführt, und von ihm häufig auch weniger bekannte und seltener aufgeführte, sodass auch die Verbreitung des unglaublich umfangreichen Schaffen Mozarts Zweck der Gesellschaft ist.
Finanziert wird das alles nur durch privates Engagement, öffentliche Mittel werden nicht in Anspruch genommen – da kann auch kein auf Kosten der Kultur sparwütiger Politiker hereinreden.
Gegründet wurde diese Gesellschaft 1956 u. a. von dem Chefarzt einer Dortmunder Klinik und dem damaligen GMD in der Folge eines Konzerts zum Mozarts 200. Geburtstag, in dem der dem Verfasser noch gut bekannte Pianist Detlev Kraus mitwirkte. 
So war es jetzt Zeit, das 60-jährige Jubiläum mit einem Festkonzert im Dortmunder Konzerthaus zu begehen. Begrüßung erfolgte durch den Vorstandssprecher Dr. Eiteneyer. Es folgte eine präzise und erfreulich kurze Festansprache durch Matthias Schulz, seit kurzem nicht mehr Geschäftsführer der Stiftung Mozarteum in Salzburg und bald Nachfolger von Jürgen Flimm als recht jugendlich wirkender Intendant der Staatsoper unter den Linden in Berlin. Er stellte die Frage, wie Mozart wohl mit 60 komponiert hätte, erinnerte an die Zusammenarbeit der Mozart Gesellschaft Dortmund mit der Stiftung Mozarteum, erwähnte, dass die „Zauberflöte“ an der Linden-Oper noch immer erfolgreich in der Inszenierung von August Everding und dem Bühnenbild nach Schinkel gespielt wird und zitierte seinen baldigen Chefdirigenten Barenboim mit den Worten, Mozart schaffe es, „gleichzeitig zum Weinen und zum Lachen“ zu verführen.
Drei frühere Stipendiaten, die danach erfolgreich Karriere gemacht haben, wurden zum Jubiläum für ein Solokonzert auf ihrem Instrument eingeladen. Leider war kein Pianist dabei, obwohl das Klavier wohl Mozarts Lieblingsinstrument war und die größte Anzahl unter den Stipendiaten Pianisten waren.
Die charmante Geschäftsführerin der Mozart Gesellschaft, Karen Ann Bode, stellte jeweils die einzelnen Solisten und ihre Karriere vor. Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur KV 622 spielte Sebastian Manz, als 1. Preisträger beim ARD-Musikwettbewerb und nach zwei Echo-Klassik-Auszeichnungen heute Soloklarinettist des SWR – Sinfonieorchesters Stuttgart. Er verfügte anscheinend mühelos über die geforderte Virtuosität, spielte die grossen Intervalle bis zu den ganz tiefen Tönen mit leuchtendem Ton, wusste diesen zum p meisterhaft zurückzunehmen, sodass das kantable Adagio zum Höhepunkt wurde.
Mozarts drittes Hornkonzert KV 447 – wie alle in Es-Dur – spielte der noch junge Marc Gruber, nach vielen Auszeichnungen heute mit 22 Jahren jüngster Solohornist im Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks. Auch er verfügte über die technische Sicherheit, spielte virtuos bis in tiefe Lagen seines Instruments, dies besonders in der Kadenz. Wunderschön weich klang das Larghetto, beim Zuhören fühlte man, warum Mozart es als „Romance“ bezeichnet hat.
Wenn nach den Bläserkonzerten ein Violinkonzert gespielt werden sollte, virtuos anspruchsvoller als die von Mozart, aber seiner Art der Komposition ähnlich, konnte es nur das in e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy sein. Diese Virtuosität zeigte ganz erfolgreich das Spiel von Susanna Yoko Henkel, auch Echo-Klassik Preisträgerin und heute Professorin an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln – Mozarts Violinkonzerte hat sie mit dem Litauischen Kammerorchester als Solistin und Dirigentin aufgenommen. Die scheinbare Leichtigkeit und Heiterkeit in Mendelssohns Konzert mit der Kadenz schon vor der Reprise im ersten Satz vermittelte sie auf ihrer Stradivari „Ex Leslie Tate“ dem Zuhörer beeindruckend. Zart und innig folgte die Gesangsmelodie des Andante. Den Schlusssatz bewältigte sie trotz der schwierigen Doppelgriffe, Triller und Staccati mit mühelos erscheinender Eleganz bis hin zur zu ganz raschem Tempo gesteigerten Schluss-Stretta. Bei Begleitung der Solisten war es genau umgekehrt wie in den „normalen“ Matineen. Dort wird ein Nachwuchskünstler von einem professionellen Orchester begleitet, hier wurden arrivierte Solisten von den in Ausbildung befindlichen Musikern des Orchesterzentrums NRW aus Dortmund begleitet. Der Duisburger GMD Giordano Bellincampi hatte Einstudierung und Leitung übernommen. Am besten gelang noch die Begleitung des Mendelssohns-Konzerts – man freute sich über die Überleitung vom ersten zum zweiten Satz durch das Fagott oder die glitzernden nach „Sommernachtstraum“ klingenden Holzbläser im letzten Satz. Nach dem virtuos-heiteren Schluß hatte das Publikum im wiederum ausverkauften Konzerthaus allen Grund, die Solistin und den Dirigenten durch langanhaltenden Applaus ausgiebig zu feiern. 

Sigi Brockmann 23. Mai 2016


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