Presserezensionen

Montag, 12. November 2018

Presserezensionen

ONLINE-MERKER
Teils wiederentdeckte teils neugestaltete Musik des 18. Jahrhunderts aus Österreich - Ungarn

Mehrere Konzerte für Violoncello und Orchester sind uns von Josef Haydn überliefert, von denen besonders das in D-Dur Hob. VII:2 sehr beliebt ist und häufig aufgeführt wird. Da ergibt sich die Frage, warum von Haydns ebenso beliebtem Violinkonzert in G-Dur Hob. VIIA.4 eine Version für Cello und Orchester angefertigt werden musste. Das nennt man dann heute Cello reimagined, auf Deutsch vielleicht für Cello neugestaltet. 
Im Rahmen der Mozart-Matinée spielte diese Umarbeitung die Cellistin Anastasia Kobekina – Stipendiatin der Mozart Gesellschaft Dortmund seit 2015. und inzwischen erfolgreiche Solistin. Begleitet wurde sie vom Kammerorchester – in diesem Konzert nur Streichorchester – l'arte del mondo unter Leitung seines Gründers Werner Erhardt – Konzertfreunden aus NRW bekannt durch seine Auftritte im Bayer-Kulturhaus Leverkusen und der Bagno-Konzertgalerie in Burgsteinfurt. Virtuos gekonnt, auch im p‘ spielte sie den ersten Satz, gefühlvolle Kantilenen erfreuten im zweiten Satz. Aber insbesondere im ebenfalls sehr virtuosen und beliebten dritten Satz mit dem markanten Hauptthema vermisste man doch den glanzvolleren Klang der Violine, zu dem Haydn ja auch die Instrumentation angepasst hatte. 
Passend erschien deshalb die Absicht der Solistin, entgegen der Ankündigung im Programm Haydns für Cello umgearbeitetes Violinkonzert vor und nicht nach dem genauso umgearbeiteten Flötenkonzert von Mozart zu spielen. Im Gegensatz etwa zu Haydn hat Wolfgang Amadè Mozart bekanntlich kein Konzert für Cello und Orchester geschrieben. Andererseits war die Flöte von ihm wohl nicht besonders geliebt – ein Instrument, das ich nicht leiden kann – schrieb er einmal an den Vater. Trotzdem verwendete er dem Titel gemäß die Flöte in der Zauberflöte und schrieb für einen Auftraggeber zwei Flötenkonzerte. Davon war das zweite in D-Dur KV 314 aus Gründen der Zeitersparnis wohl eine Umarbeitung eines Oboenkonzertes in C-Dur, das er einen Ton höher transponierte. Auch dies wurde neugestaltet für Violoncello und Orchester in der Mozart-Matinée von Anastasia Kobekina und dem jetzt in grösserer Besetzung spielenden Orchester l’arte del mondo aufgeführt. Ursprünglich für den etwa tieferen Klang der Oboe konzipiert fand hier das Cello den passenden Orchesterrahmen. Neben der Darstellung ihres virtuosen Könnens meisterte die Cellistin die im Vergleich zu Haydn schwierigere Rhythmik hier im perfekten Zusammenspiel mit dem Orchester. Kantables Legato, auch und gerade im p‘ bewunderte man im Mittelsatz. Keck klangen im rasch gespielten Rondo-Schlusssatz die Anklänge an Blondchens Arie Welche Wonne welche Lust aus Mozarts Entführung aus dem Serail. 
Die Kadenzen für beide Konzerte hatte sich die Solistin aus vorhandenen Vorbildern und eigenen Ideen selbst zusammengestellt, was besonders bei Mozart eindrucksvoll klang. Diese und der heitere Schluss veranlasste das Publikum im gut besuchten Konzerthaus – auch hinter dem Podium waren die Reihen gefüllt – zu langem herzlichem Applaus. 
Eingerahmt wurden diese beiden Cello-Adaptionen von je einer Sinfonie unbekannter oder fast unbekannter Komponisten der Zeit von Haydn und Mozart. Einleitend und auch wohl deshalb mit kleinen Unstimmigkeiten mit dem Orchester dirigierte Werner Erhardt eine Sinfonie in B-Dur – eine von ungefähr siebzig – des im 18. Jahrhundert in Wien angestellten Beamten und aufgrund seines Adelstitels nur im Nebenberuf komponierenden Karl von Ordóñez. Die Sinfonie entsprach wohl den Vorstellungen der Zuhörer zur Zeit der Komposition, dies recht gelungen. Im ersten Satz Allegro Moderato fielen die kurzen wiederkehrenden Einschübe der beiden Hörner auf. Im dritten Satz, einem Menuetto zeigte er im Mittelteil, einem solistischen Quartetto der Solo-Streichinstrumente, dass er auch Fugato komponieren konnte. Danach beendete ein recht unterhaltsames Presto die Sinfonie. 
Beendet wurde die Matinée mit einer Sinfonie in e-Moll von Anton Zimmermann, Ende des 18. Jahrhunderts Leiter der Hofkapelle des Kardinals Battyàny im ungarischen Preßburg, also immer noch innerhalb der Donaumonarchie tätig. Hier hörte man Streicher und Hörner im für Liebhaber der Musik dieser Zeit unterhaltsamen abwechslungsreichen Wechselspiel markanter Themen. Das Menuet mit eingebautem Trio klang recht ungarisch und erinnerte an Haydn. Überraschend war, dass der recht bewegte Finalsatz unerwartet immer leiser werdend mit einem p-Akkord schloss. So musste der Dirigent erst durch Zeichengebung zum Publikum hin deutlich machen, dass der verdiente Applaus beginnen konnte. * S. Brockmann

 

RUHR NACHRICHTEN
Ein Cello schlüpfte in die Rollen von Flöte und Geige 
Die Mozart Gesellschaft präsentierte Entdeckungen. Die hatten auch Tücken. 

Den Cellisten mangelt es nicht an Repertoire, aber bei der Matinee der Mozart Gesellschaft Sonntag im Konzerthaus trafen zwei Entdecker aufeinander: Werner Erhardt, Gründer und Leiter des nur 17 Musiker starken Kammerorchesters L’arte del monde und Stipendiatin Anastasia Kobekina. 
Die 24-jährige Russin präsentierte sich in Cellokonzerten von Mozart und Haydn, beides Transkriptionen. Das ist spannend für die Interpretin, interessant für das Publikum, nur hat so eine Bearbeitung auch Nachteile. Denn den sonoren Cello-Ton hörte man im Konzert, das Haydn für die Geige geschrieben hat, nur in den Kadenzen. In einer hohen Lage (wenngleich eine Oktave tiefer als im Original), in der die Geige glänzen kann, spielte die Stipendiatin die drei Sätze. Problem war auch, dass die Orchesterbegleitung so komponiert ist, dass sie den Celloklang zudeckte. Dennoch: Die junge Russin bringt eine wunderbare Mischung aus Ruhe, einem entspannten Ton und Temperament, mit dem sie technisch Virtuoses gut meistert, auf die Bühne. 
Warum sie das Programm kurzfristig änderte und die Bearbeitung von Mozarts Flötenkonzert (das es auch in der Fassung für Oboe gibt) erst im zweiten Teil spielte, wurde beim Hören klar: Dieses Konzert fordert noch mehr Fingerfertigkeit, die Anastasia Kobekina zweifelsfrei hat. 
Als Begleiter war das erst 2004 gegründete Orchester, das sehr trocken, ohne Vibrato musizierte, aufmerksamer als als Interpret der sinfonischen Werke. Da wackelte es zuweilen bei den Streichern, da kieksten Hörner und es fehlte auch das fest zusammengeschweißte Ensemblespiel. 
Den sinfonischen Rahmen bildeten zwei Entdeckungen von unbekannten Mozart-Zeitgenossen: eine hübsche, spritzige Sinfonie von Karl von Ordónez und die eher kleinmeisterliche Sinfonie von Anton Zimmermann. *J. Gaß


Facebook