Presserezensionen MOZART MATINEE 3. NOVEMBER 2019

4. November 2019

RUHR NACHRICHTEN PRESSE

Die Geigerin mit dem Perlmutt-Ton
Lara Boschkor ist eine wunderbare Stipendiatin der Mozart Gesellschaft

Orchester von einer so stattlichen Größe, mit der das Novosibirsk Philharmonic Orchestra in der Matinee im Konzerthaus aufwartete, spielen selten bei der Mozart Gesellschaft. Die Sibirer reisten mit einer Dirigentenlegende und begleiteten eine vorzügliche Stipendiatin der Mozart Gesellschaft im Violinkonzert von Mendelssohn. Mit Perlmutt-Ton, zart und kultiviert, spielte die 20-jährige Tübingerin Lara Boschkor dieses Werk des Mozarts der Romantik. Das Orchester verlegte sich ganz auf die Begleitrolle im Hintergrund: Akzente setzten die Musiker unter Leitung von Thomas Sanderling dann später noch genug im zweiten Teil, dem Mozart-Teil des Konzerts. Gerne hätte man von Lara Boschkor eine Zugabe gehört. Die Innigkeit, mit der sie den zweiten Satz superleise und ruhig auf der Geige aussang, war bemerkenswert – ebenso wie die Klarheit im blitzsauber gespielten Rondo-Finale. Sanderling, der inzwischen schon 77 Jahre alte Sohn von Dirigent Kurt Sanderling, musste sein Orchester in Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre noch etwas anstacheln. Elanvoll, aber sehr langsam breiteten die Sibirer dieses Porträt des Kriegers aus. Auch Mozarts „Linzer Sinfonie“ am Schluss nahm erst im Finalsatz mehr spritzig und flott herausgespielt Fahrt auf. Zuvor erklang eine mitreißend und sehr präzise gespielte „Figaro“-Ouvertüre. Ein schönes, rundes Vormittagsprogramm.* Julia Gaß

 

ONLINEMERKER

Novosibirsk Philharmonic Orchestra – Thomas Sanderling – Laura Boschkor Violine

Fast in der südlichen Mitte Russlands am Fluss Ob und der transsibirischen Eisenbahn gelegen ist Novosibirsk mit immerhin fast 1,5 Million Einwohnern nach Moskau und Petersburg die drittgrößte Stadt des Landes.
Neben anderen kulturellen Einrichtungen gibt es ein Opernhaus und seit mehr als sechzig Jahren das Novosibirsk Philharmonic Orchestra. Unter Leitung des international renommierten Dirigenten Thomas Sanderling – inzwischen ebenso berühmt wie sein 2011 mit 98 Jahren verstorbener Vater Kurt Sanderling – gastierten sie im Rahmen der Mozart Matinee am Sonntag im Konzerthaus Dortmund in großer Streicherbesetzung mit z. B. acht Celli und fünf Kontrabässen.
Begonnen wurde mit der Ouvertüre zu Collin´s Schauspiel Coriolan op. 62 von Ludwig van Beethoven. Nach den eröffnenden langgezogenen Streicherunisoni hätte man sich die folgenden Tutti-Akkorde vielleicht noch entschiedener gewünscht, wobei insgesamt für das Allegro con brio ein verhältnismäßig langsames Tempo gewählt wurde. Als Kontrast erklang dafür das elegische Es-Dur Seitenthema umso kantabler, wobei die Einsätze von Klarinette und der dann folgenden Holzbläser hervorgehoben werden müssen. Ergreifend gelangen die abschließenden pp-pizzicato-Töne als Zeichen des Scheiterns.
Eine der Aufgaben der Mozart Gesellschaft Dortmund ist bekanntlich, durch Stipendien musikalischen Nachwuchs zu fördern und diesen Stipendiaten in den Matineen die Möglichkeit eines Auftritts mit großen Orchestern zu ermöglichen.
Hier war es die erst zwanzigjährige aber schon mit vielen Preisen ausgezeichnete Geigerin Lara Boschkor, der als Belohnung für einen dieser Preise eine Violine von C. A. Testore zur Verfügung gestellt wurde. Damit spielte sie eines der Hits unter den Violinkonzerten, nämlich das in e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy.
Das kantable Anfangsthema des ersten Satzes gelang ebenso wie die schnelle Triolenbegleitung, wenn das Orchester die Themen übernahm, ebenso die großen Oktavprünge, auch der Riesensprung zum pp hin. Lange Triller gelangen zusätzlich in der Kadenz, die bekanntlich in diesem Konzert mitten in den ersten Satz platziert ist. Im zweiten langsamen Satz bestaunte man ihre Doppelgriffe. Im letzten Satz zeigte sie sehr virtuos, auch mit langen Trillern und Doppelgriffen leggiero gespielt die Eleganz, die diesen Satz so einmalig macht. Das Orchester begleitete zuverlässig, wobei es nur selten zu einem Blickkontakt des Dirigenten zur Solistin kam. Hervorzuheben sind wiederum die Holzbläser, so das Solo-Fagott in der Überleitung vom ersten zum zweiten Satz, Klarinetten und Fagotte im zweiten Satz und natürlich die virtuosen Flöten und Holzbläser im letzten Satz. Insbesondere die von der Solistin und dem Orchester effektvoll gestaltete Koda des letzten Satzes regte das Publikum zu starkem Applaus und Bravos an.
Nach der Pause standen Musikstücke des Namensgebers der Gesellschaft, Wolfgang Amadè Mozarts, auf dem Programm. Die Zahl der Streicher war unverändert groß, trotzdem stimmte die akustische Balance zu den zahlenmäßig so sehr unterlegenen Bläsern.
Spritzig und aufmüpfig erklang zuerst die Ouvertüre zu Figaros Hochzeit, es folgte die 36. Sinfonie in C-Dur KV 425, die sogenannte Linzer Sinfonie. Der Beiname stammt bekanntlich daher, dass Mozart für ein Konzert in Linz ganz schnell eine neue Sinfonie schreiben musste. Im Gegensatz zu heute wollten die Konzertbesucher damals vor allem neue und keine älteren Werke hören!
Trotz dieser kurzen Kompositionszeit wurde es ein Meisterwerk, gegenüber vielen anderen Sinfonien Mozarts schon dadurch besonders, dass dem ersten Satz in der Tradition Haydns ein langsames Adagio vorangestellt wurde. Hier konnten wiederum die Holzbläser ihr Können beweisen. Im schnellen Teil wurden die ungewöhnlichen Wechsel zwischen strahlenden Dur- und etwas abgedunkelten Moll-Teilen deutlich. Außerdem wurde recht eindringlich das fünftönige rhythmische Motiv herausgehoben, das zuerst als Begleitfigur erscheint, dann aber fast den gesamten Schluss beherrscht. Den im 6/8 Siciliano-Takt singenden zweiten Satz kann man vielleicht etwas rascher nehmen, dafür klagen die hier ungewöhnlichen Trompeten umso eindrücklicher.
Für das folgende Menuett wurde das passende etwas derb-klingen Tempo gewählt. In seinem Trio konzertierten Oboe und Fagott ganz intim zusammen mit der Melodie der Violinen. Im letzten Satz bedauerte man vor allem an einer Stelle, dass das Orchester in der sog. amerikanischen Aufstellung spielte, also erste Violinen links, dann zweite Violinen und rechts Bratschen und Celli. Mozart fügte dort nämlich ein kurzes Fugato ein. Wenn erste und zweite Violinen in der sog. deutschen Aufstellung vorne links und rechts platziert wären, hätte man dieses kurze Fugato besser von ersten zu zweiten Geigen akustisch verfolgen können.
Trotzdem wurde insgesamt dieser Satz so brillant gespielt, auch etwa mit Betonung der sforzati auf eigentlich unbetonten Taktteilen und der abschliessenden Verbreiterung des Hauptthemas, dass das Publikum wiederum dem Dirigenten, einzelnen Solisten und dem gesamten großen Orchester so lange Beifall klatschte, dass als Zugabe das Menuett wiederholt wurde.
Bezeichnend für die Anspannung im heutigen Musikbetrieb ist die Tatsache, dass das Violinkonzert mit derselben Solistin und demselben Orchester abends in Quakenbrück im Eröffnungskonzert der Quakenbrücker Musiktage nochmals aufgeführt wurde. *Sigi Brockmann 4. November 2019


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